kαirós 
Menschen und Kulturen.... 

Montagmorgen, 5.23 Uhr. Ich stehe im Vorgarten und gieße meine Funkien. Meine Nachbarin ist auf dem Weg zur Arbeit. Sie kommt leichenblass mit zusammengekniffenen Lippen zu mir, knallt die von mir ausgeliehenen Bücher auf die Treppe, stellt fest: „Es wär mol wieder Mondag.“….

 

Seit Wochen steht ihre mit Kleidung und Kulturbeutel gepackte Tasche im Flur. Stets griffbereit. Auf Abruf. Bisher war das montags. Dann rief das Pflegepersonal aus dem Altenheim an. Die Mutter läge im Sterben. Bei den ersten Malen fuhr meine Freundin mit bangen wie erleichtertem Herzen los. Ein Knopf an den Abschied machen. Endlich.
Mit der Zeit frisst der Schwebezustand der Mutter zwischen Leben und Tod jedoch an den Nerven. Die destabilisierende Botschaft der Vergänglichkeit hat Wut ausgelöst. „Wieso kann sie nicht gehen?“ Oder: „Wann stirbt sie endlich?“ Hier geht es nicht um eine klimatisierte Innerlichkeit, ein rationales Nachdenken über den Tod. Nein. Es ist das fatale Bewusstsein, dass wir morituri sind, Todgeweihte. Und in diesem Schwebezustand, den es zu begleiten, zu durchleben gilt, gibt es kaum ein probates Gegenmittel, das die Angst nimmt. Die Zeit setzt aus, bei jedem Anruf, davor und danach. So wie es immer wieder einen Montag gibt….und den bestimmt am Ende die Mutter.

 

 

 

Zum Seitenanfang