kαirós 
Menschen und Kulturen.... 

Der Boxer sah mit seinem treuen Hundeblick fragend den älteren Mann auf der Bank an. „Ja, du Guter, leg deinen Kopf ruhig auf meinen Füssen ab.“ Die Besitzerin schmunzelte. Der Herr hatte Hunderfahrung. Der Vierbeiner ließ den Kopf vertrauensvoll auf die Schuhe fallen. Die Zweisamkeit zwischen Boxer, dem älteren Herrn und der Blumenidylle auf der Mainau währte kurz,

 

denn ein Mädchen von ungefähr vier Jahren, mit rosa Röckchen, rosa T-Shirt, rosa Sonnenhut, stolzierte auf den Hund zu. Kickte mit dem rechten Fuß durch die Luft. Stoppte die rosa Lackschühchen exakt zwei Zentimeter vor dessen Bauch. Die Besitzerin hielt den Atem an. Der ältere Herr wurde steif. Das Mädchen ließ den Fuß provozierend nah zur angegrauten Schnauze des Boxers wandern. Dabei sah sie die Frau mit der Leine frech an. Diese suchte den Blick der Eltern. Die jedoch beschäftigten sich mit dem Neugeborenen im Kinderwagen.

Der Herr meinte: „Früher hätte man die Kleine zwicken dürfen.“

Die rosa Prinzessin tritt weiter durch die Luft. Der Geduldsfaden der Besitzerin reißt. „Hallo, Ihre Tochter provoziert meinen Hund!“ Die Mutter: „Och, Sie wären niemals mit einem aggressiven Hund auf die Mainau gekommen!“ – „Wie bitte?“ – „Außerdem ist er alt.“ Die rosa Prinzessin macht belustigt weiter.

Ob das Verhalten der Mutter eine Vulgärvariante liberalen Erziehungsstiles ist, Ignoranz gegenüber differenzierten Realitäten bedeutet oder ein Gefangensein in der eigenen Wahrnehmungsblase, egal. Dem freien Willen der rosanen Prinzessin, den alten Boxer rücksichtslos herauszufordern, steht das Werden und Vergehen der Blumenpracht entgegen. Sie entwickelt sich zum Höhepunkt des Daseins als Königin der Schönheit, um dann zu verwelken. Irgendwann ist rosa out und es wird geboxt.

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