kαirós 
Menschen und Kulturen.... 

Erst an der roten Ampel fiel mir ein, dass ich den Brief für die Veranstalterin vergessen hatte, in den Briefkasten zu werfen. Rückwärtsgang, umdrehen. Im Gedanken bei Aussagen der „Flüchtlinge“, die heute im Workshop storytelling teilnahmen. Ein älteres Ehepaar, er in abgewetzter Lederjacke, eine gelbe Plastikbox der Deutschen Post in beiden Armen, gefüllt mit Haushaltswaren, stand neben meinem geparkten Auto mit laufendem Motor. Eine Frau mit einem künstlichen Ledermantel entnahm daraus eine Kuchenform und stellte sie auf den Gehweg. „Was soll das?“, fragte der Mann.

 

Ich mich auch, während ich den Brief einwarf. Vor meinem geistigen Auge blitzte der junge Afghane auf, der in die Kamera sprach. Er sei dankbar, in Tübingen eine Schilddrüsenoperation habe machen können, die in seinem Heimatland nicht möglich gewesen wäre. Die Frau aus Syrien strahlte auf dem Bildschirm: Hier in Deutschland können Kinder einfach lernen, diskutieren. Sie sei stolz. In der syrischen Familie, die sie seit zwei Jahren begleitet, könne die jüngste Tochter aufgrund des Zeugnisses nun selbst mit den Eltern entscheiden, ob sie ins Gymnasium oder auf die Realschule gehen möchte. Die Syrerin sieht ihre Aufgabe in der Weitergabe dessen, was sie von ihrer Deutschlehrerin erfahren habe, den Stolz und die Würde bewahren. Das geht vor allem über die Sprache, die nicht von anderen abhängig macht. „Nicht vom Mann, nicht vom Bruder, nicht von der Familie, die auch wichtig ist. Aber wichtig ist, meine Selbständigkeit! Umso besser, wenn bereits Kinder so lernen können.“ – „Wir haben alle eines gemeinsam“, schloss ein Armenier den Workshop, „wir sind motiviert, wir wollen lernen. Wir wollen voran und haben hier eine Chance.“

Die Frau im Kunstlederlook riss mich mit ihrer Antwort aus den Gedanken: „Die Kuchenform ist für Ausländer oder Flüchtlinge, die können es brauchen.“

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